von Volkmar Lehnert


   Einleitung

   Kapitel 1: Nachhaltig geschädigt

   Kapitel 2: Dilemmas der Weltgeschichte

   Kapitel 3: Ungleichheiten, verdammte Ungleichheiten

   Kapitel 4: Gesunder Pessimismus

 

    Kapitel 5: Nachhaltigkeit als Utopie

 

    Kapitel 6: Nachhaltigkeit als Faschismus

 

 

Gefragt sind folglich kreative Ideen und Visionen, wie wir unser Leben zur Mitte dieses Jahrhunderts nachhaltig gestalten können. Für eine mathematisch-naturwissenschaftlich und technizistisch indoktrinierte Gesellschaft wie den gegenwärtigen westlichen Kulturkreis werden dabei grundsätzlich Fortschritte im ingenieurtechnischen Erfindungsprozess erwartet. Diesem wird eine evolutorisch fortschreitende Höherentwicklung und Qualitätssteigerung unterstellt, die dann im Rekurs auf bisherige Errungenschaften stets dogmatisch betont werden kann.

Was wir künftig aber dringend brauchen werden, sind institutionelle Innovationen, die in anderen gesellschaftlichen Bereichen ausgehoben werden:
Nötig sind neue Formen des Denkens, des Wertschätzens, des Erziehens, des Arbeitens, des Vorsorgens und Versorgens.

Ähnlich den technischen Weiterentwicklungen handelt es sich dabei nicht unbedingt um grundlegende Neuschöpfungen aus einem ideengeschichtlichen Vakuum heraus, sondern vielmehr um bereits skizzierte, gedanklich und praktisch vorweggenommene Elemente, die in ihrer Rekombination und konsequenten Realisierung qualitativ neuwertige Möglichkeitshorizonte für eine Revolutionierung tradierter Sozialstrukturen ermöglichen.

Revolutionierung bedeutet dabei eine grundsätzliche und ganzheitliche Umwälzung bestehender Verhältnisse - und damit einen Abschied vom Neoliberalismus der Gegenwart zugunsten eines Zukunftsparadigmas der Nachhaltigkeit.

Als Konklusion des Vorangegangenen ergeben sich folgende Innovationen:

• eine Dekonstruktion gesellschaftlicher Schönheitsideale und Normalitätsvorstellungen zugunsten eines variablen, postheterosexuellen Miteinanders entlang Prinzipien der toleranten und gewissenhaften Verständigung über tradierte und derzeitig konstruierte Sozialgrenzziehungen hinweg
(z.B. Aufhebung der Ehe, da sie als gesellschaftlich gestütztes und juristisch reglementiertes Reproduktionsverhältnis zwischen einer Frau und einem Mann ein überflüssiges Zwangsgefüge darstellt, dessen ritueller und symbolischer Charakter nach eigenem Gutdünken auch unabhängig zelebriert werden kann)

• eine Entprivatisierung von gesellschaftlichen Bereichen, bei denen ein profitorientiertes Haushalten entweder auf Grund der gesellschaftlichen Funktion oder auf Grund der faktischen Monopolstellung kontraproduktiv wirkt. Im ersten Fall sind das z.B. Rechts-, Gesundheits- und Bildungssystem sowie der Sozial- und Erziehungssektor samt Kindertagesbetreuung, Altenpflege, Kranken- und Rentenkassen bzw. entsprechenden Versicherungen; im letzteren z.B. Wasser-, Strom- und Energieversorgung, Schienenverkehr, Postwesen sowie polizeiliches und militärisches Gewaltpotenzial. Eventuell sogar öffentliche Kultureinrichtungen wie Theater, Kinos, Schwimmbäder, Galerien und Sportvereine, um den Tendenzen einer Projektion dieser sozialen Kulturmedien in den individualisierten Privatraum - z.B. in Form von Heimkinoanlagen, Swimming Pools, persönlichen Fitnesscoaches und Steuerberatern, exklusivem Privatkunstbesitz und elitären Veranstaltungsanrechten entgegenzuwirken.

• Aufhebung der Börse und der Möglichkeiten spekulativer Geschäfte mit virtuellen Gütern, insbesondere Nahrungsmittel, Energie und Lebewesen.

• ein generelles Werbeverbot zur Stärkung authentischer Bedürfnisse und zur Mäßigung des privatwirtschaftlichen Wettbewerbes um die niedrigsten Preise und niedrigsten Löhne

• eine deutlich verlängerte Gewährleistungsfrist, vor allem bei komplexen Maschinen und Geräten, deren Entsorgung aufwendig und ökologisch belastend ist

• erhöhte Steuern auf Chemikalien, Pflegeprodukte, Autos, Benzin und Tabak

• eine teilweise Deindustrialisierung der Landwirtschaft: Verzicht auf den Einsatz von Gentechnik, Industriedüngern, Massentierhaltung, Monokultivierung, sowie damit bewerkstelligten Überproduktionen von Fleisch, Milchprodukten und künstlich überzüchteten Speise- und Futterpflanzen. Außerdem ein Verbot der pervertierten Zucht, sowohl von Nutz- als auch von Haustieren. Denn wer braucht z.B. besonders niedlich oder gefährlich aussehende Hunde, die sich nicht selbständig paaren können, nur per Kaiserschnitt auf die Welt kommen und nach der Geburt einen Luftröhrenschnitt benötigen, um zu überleben?12

• verschärfte Einfuhrzölle auf Rohstoffe und Waren aus Billiglohnländern bei gleichzeitigem Technologie-, Wissens- und Wertetransfer sowie zentralen Entwicklungsprojekten auf gesamtgesellschaftlicher Ebene (anstelle diffuser Spendenaktionen und Wohltätigkeitsinitiativen, die eher im sozialen Nahraum effektive Wirkungen zeigen können)

• eine Beschränkung der Ausweitung der Versorgungsstruktur des Supermarktes durch drastische LKW-Maut, sowie eine finanzielle Belastung von Plastikerzeugnissen zur Gegenfinanzierung von deren Entsorgung sowie zur Prävention von deren weiterer Erzeugung. (Im Gegenzug wäre eine Unterstützung regionaler und lokaler Versorgungspraxen und -bezüge durch Gewährung vergünstigter Bedingungen für traditionelles Marktgeschehen angesagt)

• ein inklusives Bildungssystem, das nicht an Abschlüsse und deren Determinierung späterer Arbeitsfelder und -verhältnisse gebunden ist, sondern stattdessen in Kooperation mit den Eltern auf eine interessengeleitete Grundbildung sowie eine Erziehung zum gemeinschafts- und eigenverantwortlichen Zukunftsmenschen abzielt - und somit an Werten der nachhaltigen Lebensführung, Gesundheit, Tüchtigkeit, Empathie und Bescheidenheit ausgerichtet ist.

• ein Arbeitsrecht und Rentenversorgungssystem, das die flexible Tätigkeitswahl jenseits linearer und individuell begrenzter Berufskarrieren ermöglicht, so dass ein selektiver Wettbewerb der Höchstqualifizierten um die attraktiven Arbeitsplätze bei gleichzeitigem Wettbewerb der Geringqualifizierten um unattraktive Arbeitsplätze wegen drohender Unterbeschäftigung aufgehoben wird. Eventuell in Kombination zu denken mit einem zeitlich begrenzten Pflichtdienst (Zivildienst) an der Gesellschaft, den jede/r zu durchlaufen hat und der vorrangig Aufgabenfelder abdeckt, deren dauerhafte berufsmäßige Ausführung als unzumutbar angesehen wird. Eine Hochschulzugangsberechtigung könnte u.a. an eine verlängerte Ableistung dieses Dienstes an der Gesellschaft gebunden werden - damit auch die hochqualifizierten Entscheidungsträger_innen eine umfassende Vorstellung von ARBEIT entwickeln.

• ein Steuersystem, das proportional zum individuellen Reichtum in Form von Einkommen, Besitz und eventuellen Erbschaften eine im Verhältnis expotenziell steigende Beteiligung am öffentlichen Haushalt gewährleistet und damit dem zweiten Buch von Adam Smith zur "Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Nationen" Rechnung trägt.

• eine politische Willensbildung, die in einem global transparenten Diskurs unter der Leitung von demokratisch legitimierten Experten gesamtgesellschaftliche Zieldefinitionen und Wertsetzungen in Handlungsentscheidungen überführt - folglich ein Abschied vom ideologisch fundamentierten Parteienparlamentarismus und seiner massenmedial informierten und daher an der Kurzfristigkeit öffentlicher Meinungen ausgerichteten Stellvertreterherrschaft.

 


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(12) In der professionellen Zucht heißen diese genetischen Mängelwesen prägnant "brachycephalen Rassen"