von Volkmar Lehnert


   Einleitung

   Kapitel 1: Nachhaltig geschädigt

   Kapitel 2: Dilemmas der Weltgeschichte

   Kapitel 3: Ungleichheiten, verdammte Ungleichheiten

 

    Kapitel 4: Gesunder Pessimismus

 

    Kapitel 5: Nachhaltigkeit als Utopie

    Kapitel 6: Nachhaltigkeit als Faschismus

 

 

Gegen die übertriebene Schwarzmalerei und mangelnde Zuversicht der Fortschrittspessimisten wird gern das Argument ins Feld geführt, dass die technologische Entwicklung samt ihrer ausdifferenzierten, hochspezialisierten Professionen das Leben für den Menschen erst lebenswert macht - denn wer würde schon gerne auf die Errungenschaften der Wissenschaftler und technischen Erfinder (insbesondere der modernen Hygiene, Medizin und Zahnmedizin) verzichten wollen?

Zu den gesetzten Regeln dieses Denkspiels gehört, dass das persönliche und damit individuell-subjektive Empfinden und Erleben von Vor- oder Nachteilen, bzw. von Lust und Unlust, zum Bewertungsrahmen für eine Beurteilung des bisherigen Prozesses der Zivilisation (11) herangezogen wird, wodurch die grundlegende Ambivalenz des "Fortschrittes" sowie die damit verbundene Simplifizierung einer entsprechenden Nutzen-Kosten-Kalkulation unterschlagen wird.

- Ohne Hoch- und Höchstqualifizierungszwang durch weltweite Ausdifferenzierungen von Arbeitshierarchien und Arbeitsbedingungen zugunsten der bildungsintensiven Schichten in den geostrategisch und militärtechnologisch überlegenen G8-Staaten würden heranwachsende Generationen nicht mit Rücken- und Sehschäden, sowie psychischen Überlastungssymptomen im Primär-, Sekundär- und Tertiärbildungssektor dahinvegetieren.
- Ohne Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion und die daraus resultierende Paradoxie eines quantitativen Überangebotes an qualitativ minderwertigen Nahrungsmitteln gäbe es kaum krankhafte Fettleibigkeit oder durch Fehlernährung bedingte Gesundheitseinbußen.
- Zudem gäbe es reichlich landwirtschaftliche und ernährungsgewerbliche Arbeitsplätze unter menschenfreundlichen Arbeitsbedingungen jenseits von Monotonie und Maschinen.
Ohne Automobilverkehr gäbe es kaum Haltungs- und Gelenkschäden und keine Verkehrstoten.
- Ohne Fabriken und Automatisierungstechnik keine Wohlfahrtseinbußen durch Luft-, Land- und Gewässerverschmutzung.
- Ohne Handys und andere entbehrliche elektronische Geräte gäbe es keinen Elektrosmog und Elektroschrott.
- Ohne Supermarkt keinen Plastikmüll. Ohne Atomkraft keinen Atommüll und keine Atombombe.

Menschliches Handeln wäre sicher weniger effektiv und das Leben damit weniger bequem. Dafür wäre es allerdings auch weniger belastend: für die Einzelnen und ihre Gesundheit, sowie für ihre Beziehungen zu ihren Mitmenschen und vor allem für alle nichtmenschlichen Existenzformen und deren irdische Lebensgrundlage.

Weltweit gäbe es weniger Menschen. Menschen in Deutschland würde sicher zeitiger das Zeitige segnen - unter anderem auch in Form einer höheren Kindersterblichkeit. Dafür würden in anderen Regionen weniger Kinder verhungern, hungern, schwerst arbeiten, prostituiert werden oder unter Waffen stehen.

In Deutschland müssten Menschen auf Bedürfnisse verzichten - wie zum Beispiel einen Fernseher pro Zimmer, ein Auto pro Kopf. Oder einen Kaffee am Morgen und zwei Schachteln Zigaretten am Tag. Auch auf 3 Kugeln Ananaseiscreme im Winter oder das I-Phone 4 zum 5. Geburtstag. In anderen Regionen würden das Durchschnittsalter, der Wohlstand und die Lebensqualität dafür steigen.

Sonnenstrahlen wären nicht mehr krebserregend. Regen wäre nicht mehr sauer. Essen würde wieder schmecken und wäre gesund. Menschen könnten nachts wieder schlafen, anstatt zu arbeiten oder wachzuliegen. Eltern hätten Zeit für ihre Kinder. Und für ihre Eltern. Kinder hätten Zeit und Möglichkeit zu Spielen und zu Lernen - und zwar unter anderem die Dinge, die sie wirklich interessieren.

Dass Menschen sterben, ist kein Problem. Woran und wann Menschen sterben, ist nebensächlich. Aber moral-ethisch relevant ist, wie sie vorher leben können. Das gilt für andere Wesen gleichermaßen, weshalb z.B. Abholzung und Fleischkonsum weiterhin zum menschlichen Dasein gehören können - solange sie in ihrem Ausmaß verhältnismäßig sind und damit der Nachhaltigkeit verpflichtet bleiben.

 


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(11) dazu Elias, N. (1939): Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Band 1: Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes (LXXXI, 333 S.) / Band 2: Wandlungen der Gesellschaft: Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. Verlag Haus zum Falken. Basel.