von Volkmar Lehnert
Kapitel 1: Nachhaltig geschädigt
Kapitel 2: Dilemmas der Weltgeschichte
Kapitel 3: Ungleichheiten, verdammte Ungleichheiten
Kapitel 4: Gesunder Pessimismus
Kapitel 5: Nachhaltigkeit als Utopie
Kapitel 6: Nachhaltigkeit als Faschismus
Die Irrationalität und moralische Unbegründbarkeit der aus Feudalismus und Kolonialismus geborenen Bodenbesitzverhältnisse unserer Zeit wurde bereits umfassend, anschaulich und eindringlich von einem rauschebärtigen Mann in einem unfassbar dicken Buch zusammengefasst (7). Ohne diese "Bibel der Moderne" hier herunterbeten zu können oder die Erstrebsamkeit eines manifesten Kommunismus predigen zu wollen, sei nur kurz auf die Unwahrscheinlichkeit einer nachhaltigen Zukunft bei Fortbestehen der global etablierten Ausbeutungs- und Wirtschaftsverhältnisse hingewiesen.
Solange besitzbürgerlicher Stolz aus einem konsumorientierten Neid heraus maßloses Begehren und Habgier befördert, sowie einer Trägheit des Herzens Vorschub leistet, welche die Menschen westlicher Industrienationen jegliches Aufbegehren gegen die Vormachtstellung ihres Weltsystems8 mit Vergeltung strafen lässt, bleibt Nachhaltigkeit
ein unrealistisches Strategiekonzept für Idealisten.
Während der geostrategische Realismus der
1. Welt weiterhin auf die Sicherung fossiler Rohstoffquellen und die Steigerung des eigenen
Wohlstandes und Lebensstandards abzielen wird und dabei das Hungern von 1.000.000.000
Menschen in der 3.Welt billigend (weil unsere Lebenshaltungs- und Konsumkosten senkend)
in Kauf nimmt.
Die Kosten werden in unregelmäßigen Raten gezahlt - am 11. September 2001 war
Kassensturz. Aber bereits seit 1637 platzen die spektakulären Finanzblasen, die sich aus der
problematischen Wechselbeziehung zwischen dem homo monetaricus (9) und seinem
omnipotentem Tauschmittel speisen: Menschen sollen für Geld arbeiten und Geld soll für die
Menschen arbeiten.
Nachdem dieses System für seinen Geburtsfehler und den daraus
resultierenden Schwächeanfall im Jahre 1929 eine 12 Jahre dauernde zentraleuropäische
Tumorbehandlung mit Kosten von über 80.000.000 ML in Rechnung gestellt bekam, wurde
es in Bretton Woods auskuriert und rehabilitiert. Sicher gab es hin und wieder Rückfälle
sowie permanente Nebenwirkungen - aber deren Symptome sind nur peripher spürbar, weil
sie überwiegend außerhalb europäischer Grenzziehungen ausschlagen.
Selbst bei aufflammender Nächstenliebe und damit verbundener Spendierlaune bleibt die
perfide Eigenschaft des homo oeconomicus, dass er mit seiner kapitalistischen Produktions- und
Denkweise sämtliche Lebensbereiche und Lebewesen sowie deren "natürliche" Umwelt,
die Erde, einer warenproduzierenden Kapitalverwertungslogik unterwirft und somit deren
systematisch-mathematischen Rationalisierungs- und MAXIMIERUNGSzwängen unterwirft.
Dabei macht er die Rechnung ohne den Wirt und lebt überwiegend parasitär auf dessen
Kosten.
Der Wirt übrigens setzt sich zusammen aus all jenen Bestandteilen dieser Welt, denen ein
Mehrwert abgewonnen wird, ohne sie dafür zu entschädigen. Also all jene nachhaltig
geschädigten Sphären samt ihrer Böden, Gewässer, Lufträume und Lebewesen samt
Vergesellschaftungsbeziehungen, die den fleißig rotierenden Erdkern in Schichten
umschließen.
Ein auf Nachhaltigkeit bedachter homo oecologicus müsste demnach all diese sozialen und
ökologischen Kosten in sein ökonomisches Gleichungssystem aufnehmen - und könnte
selbst mit zeitgemäßen Rechenmaschinen niemals eine plausible Bilanz ziehen. Wenn doch,
wäre die Konsequenz ein ökologisch formulierter Rationalisierungs- und
Optimierungszwang, der die Entfaltung des menschlichen Lebens auf ein Niveau
beschränkt, welches sich an der Resilienz des Ökosystems Erde orientiert. Für Wachstum -
speziell von Populationen und Bedürfnissen - ist dann nur noch begrenzter Spielraum.
Analog stünde das Sozialsystem Weltgesellschaft vor der Herausforderung, zum Zwecke
seiner nachhaltigen Langlebigkeit die zu produzierten Gütern transformierten Ressourcen
einer permanenten und konsequenten UmFAIRteilung (10) zuzuführen, anstatt weiterhin die
benachteiligte Mehrheit der Erdbewohner einer FAIRgewaltigung durch die Business Deals
und Vormachtstellungen einer privilegierten Minderheit auszuliefern.
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(7) siehe dazu Marx, K. (1867): Das Kapital, Band 1, Siebter Abschnitt.
(8) siehe dazu Wallerstein, I. (1974): The Modern World-System. In 3 Bänden (1979/1980/1989) N.Y.
(9) siehe dazu Joest, R.H. (2010): Sind Menschen Menschen? Traktat über den Homo sapiens sapiens.
(10) online unter http://umfairteilen.de/