von Volkmar Lehnert


   Einleitung

 

   Kapitel 1: Nachhaltig geschädigt

 

    Kapitel 2: Dilemmas der Weltgeschichte

    Kapitel 3: Ungleichheiten, verdammte Ungleichheiten

    Kapitel 4: Gesunder Pessimismus

    Kapitel 5: Nachhaltigkeit als Utopie

    Kapitel 6: Nachhaltigkeit als Faschismus

 

 

Wer sich eingehend mit der beschriebenen Relation von Angebot und Nachfrage beschäftigt, gelangt unter Umständen zu der überraschenden Erkenntnis: der Preis ist hoch. Denn die Nachfrage nach einer Welt mit Zukunft - also unserer Erde - ist auf Grund der über 7.000.000.000 derzeitigen Konsumenten sowie zu erwartender Nachfolgegenerationen annähernd unendlich - das Angebot jedoch in seiner Stückzahl auf EINS begrenzt.

Bevor nach Möglichkeiten nachhaltiger Entwicklung gefragt wird, muss hinreichend geklärt sein, was eigentlich Nachhaltigkeit ist - bzw. was wir darunter verstehen wollen (1). Derzeit firmieren unter dem Leitbegriff der Nachhaltigkeit diffuse und unscharfe Vorstellungen von Langfristigkeit, Resilienz, Ökologie, Stabilität sowie gesteigerter Effektivität und Effizienz bei der Transformation "natürlicher" Ressourcen. Nachhaltige Entwicklung lässt sich damit als ressourcenschonendes Wachstum begreifen.

Eine volkswirtschaftliche bzw. weltwirtschaftliche Funktionslogik jenseits des Wachstumsprimates entzieht sich dem derzeitigen ökonomischen Denken und steht damit außerhalb der totalitären Rationalität moderner kapitalistischer Gesellschaften und ihres Appells zur Wohlstandssteigerung (2).

Bei der Suche nach innovativen Lösungen für unsere vermeintlichen Probleme stoßen selbsterklärte Experten auf komplizierte Paradoxien:

Wie lässt sich materielles Wachstum unter Beachtung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik erzeugen, ohne dass selbst SiebtklässlerInnen Verdacht schöpfen?
Warum brauchen immer weniger Menschen immer mehr Wohlstand?
Warum brauchen immer mehr Menschen immer weniger Wohlstand?
Wie können Menschen zu lebenslangem Lernen und zu unhinterfragter Tüchtigkeit motiviert werden, wenn sie einen Zustand der Zufriedenheit erreicht haben?

Experten erklären uns, wie wir Vorstellungen von Schrumpfungsprozessen oder Stagnationstendenzen interpretieren müssen, um sie unter dem Deckmantel der Produktivität formulieren zu können, damit sie politisch diskursfähig werden und bleiben können. Abriss wird zu Rückbau, Verlust wird zur Investitionsbasis, Bevölkerungsrückgang wird zu demographischem Wandel, Regression wird zu Negativwachstum. Und bleibt damit Wachstum. So wird eine Krise in einem änderungsresistenten System kommuniziert.

Das Trennen oder gar Reduzieren von Müll wird zu Nachhaltigkeit stilisiert. Jeder Industriekonzern, der salonfähig bleiben will, demonstriert in einer Rubrik seines Internetauftrittes, dass er durch Digitalisierung seiner Bürokratie seinen CO2-Ausstoß reduziert hat; oder auf seinem Betriebsparkplatz durch das Anpflanzen von Buchsbäumchen seinen verantwortungsbewussten Beitrag zum grünen Wachstum leistet.

Das ist Nachhaltigkeit.

 


Nächste Folge: Dilemmas der Weltgeschichte >>

 

(1) siehe dazu Ebert, P. (2011): Nachhaltigkeit. Soziologische Analyse eines Leitbegriffs der Gegenwartsgesellschaft. Dipl. TU Dresden. online unter http://brotagonisten.jimdo.com

(2) siehe dazu Miegel, M. (2010): Exit. Wohlstand ohne Wachstum. Propyläen Verlag. Berlin.